Gerade beim Thema Sexualität ist es für mich wichtig, meiner tantrischen Ausrichtung entsprechend, offen für alles zu sein, was der Suchende mitbringt. Es kann in einen Erkenntnis- und Erfahrungsprozess gegangen werden, der Grundlegendes verändert. Dies ist nicht nur ein Verstehen durch Reden, es ist auch ein Verstehen durch Fühlen, Sehen, Riechen, Hören, Schmecken … eben durch Erfahren auf allen Sinnesebenen.
Die eigene Sexualität ist oftmals verleugnet, verletzt und beschnitten oder gar nie entdeckt. Die Lust mit all ihren Facetten und Möglichkeiten ist gar nicht erst entwickelt worden. Beides, die Sexualität und die Lust, wurden nicht ausreichend erfahren und sind daher auch kein aktiv gelebter Teil des Lebens. Denn der Alltag ist zudem geprägt von Moral und von unzähligen „das macht man nicht“ und „darüber spricht man nicht“. Umso älter wir werden, je mehr innere Mauern schränken uns ein, berauben uns unserer Lebens- und Liebeslust.
Schon als Kind lernen wir: Ein Mann und eine Frau ist die richtige Form der Partnerschaft, ebenso sollte man verheiratet sein, die gesamte Liebe darf nur einem gelten, denn sonst verliere sie ihren Wert. Immer enger wird der Spielraum. Eine Moral, die nur der besseren Kontrolle des Menschen diente? Eine Sozialisation der jeweiligen Glaubensgrundsätze der Eltern oder Gesellschaft, welche das Vorhandensein von Liebe und Sex einsperrte, mit Sanktionen belegte, reglementierte, kontrollierte …? Wir sind im Morast unserer Beziehungen versunken. Wir sagen, dass wir einen Menschen lieben, aber praktisch berauben wir ihn der Freiheit und ketten ihn an. Wir sagen, dass wir einem Menschen vertrauen und fangen an, ihn zu kontrollieren. Wir sagen, dass wir uns auf die Liebe einlassen, berauben sie aber ihrer Freiheit und stellen Besitzansprüche. Wir wollen, dass die Liebe lebendig ist, Bestand haben kann und amputieren den Menschen, den wir vorgeben zu lieben, um andere Dinge, die er auch liebt.
Doch einfach ist der Weg aus unseren inneren und äußeren Mauern nicht, und es ist ein langer Weg. Die meist christliche Sozialisation kann richtig im Weg stehen und muss durch Erfahrung erst aufgelöst werden, ebenso behindernde Moral und Scham. Der Lern- und Erfahrungsbedarf ist oftmals sehr groß und bedürftig: Was also fördert meine Lust und was lässt sie erlöschen? Was erregt mich und was nicht? Was, wie, mit wem, wann und warum entsteht welches sexuelle Gefühl oder Verlangen? Mit welcher Form der Sexualität fühle ich mich wohl? Bin ich monogam, polygam, hetero-, homo- oder bisexuell? Mag ich es dominant, devot oder gar andere Formen, beides, um mich ganz bei mir und mit mir zu spüren? In welcher Lebensform kann ich dies dann auch leben? Wie ist es umzusetzen?
Oftmals fängt das Lernen der Sexualität damit an, sich selbst als sexuelles Wesen zu entdecken und diese Entdeckungen auch anzunehmen. Die Selbstliebe wird zu einem starken und zutiefst nährenden Aspekt, denn wenn der Lernende mit seiner Seele fähig wird, auch seinen Körper zu lieben, dann verändert dies seinen Blick und seine Begegnung mit anderen Menschen. Dann wird gelebte Lust bewusste Realität, denn ein orgasmischer Zustand ist das Authentischste, was wir uns selber und andere an uns erfahren lassen können. Zudem auch noch frei darin zu sein, ist vergleichbar mit einem Zustand tiefster Meditation. In Freiheit zusammenkommen und in Freiheit wieder gehen, frei und verbindlich sein, frei und vertraulich, frei und Liebe sein, all dies sind Möglichkeiten, die uns schließlich auf allen Ebenen unseres Lebens befreien können. Neue Erfahrungen und Erlebniswelten verändern unweigerlich alle Lebensbereiche und können weitere Leiden, auch auf anderen als der sexuellen Ebene, verändern oder beenden.
Die sexuelle Kraft ist unsere tiefste, ist die uns entstehen lassende Ur-Energie und daher sollten wir uns gerade ihrer annehmen und sehen, wie viel Gutes aus ihr entstehen kann.
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Innenwelt-Verlag, Hardcover, 192 Seiten, 17,80 Euro
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